Passauer Neue Presse vom 4. Juli
„Andere Clubs sollen es machen wie Vilsbiburg“
Als erstes fällt die schwarze Plane ins Auge, mit der die Süd-Fenster der Halle in Schönberg abgehängt sind. Giovanni Guidetti, Volleyball-Bundestrainer der Damen, hat sich das nach dem ersten Training so gewünscht, und die Gastgeber von TSV Schönberg haben eilig im Baumarkt 220 Quadratmeter Silo-Plane gekauft und aufgehängt. Guidetti war es trotz Sonnensegeln zu hell. „Das Licht ist wichtig“, sagt er.
Der Italiener (37) legt Wert auf Details und will, dass alles berechenbar funktioniert: ein Volleyball-Spiel ebenso wie das Training in der Schulsporthalle in Schönberg. Schon beim Aufwärmen mit Ball teilt er seine Spielerinnen auf, die Zuspielerinnen hier, der Mittelblock und die Angreiferinnen dort, und vorne hechtet Libera Kerstin Tzscherlich nach Schmetterbällen. Guidetti läuft ruhelos umher, stellt sich in die Fluchtlinien der Bälle, ruft Kommandos, unterbricht, korrigiert.
Seit drei Jahren ist Guidetti Bundestrainer. Unter seiner Regie hat die Mannschaft häufig gut gespielt, landete aber bei Turnieren immer unter ferner liefen. Bei der EM im kommenden September soll er endlich einen Erfolg vorweisen. Aber schon in zehn Tagen steht er unter Druck, beim WM-Qualifikationsturnier in Almere/Holland (15. bis 20. Juli) muss Deutschland Zweiter werden. Für fünf Tage bereitet sich die Nationalmannschaft in Schönberg (Lkr. Freyung-Grafenau) darauf vor.
Signore Guidetti, seit Mai sind Sie fast durchgängig mit der Mannschaft zusammen. Wie zufrieden sind Sie?
Guidetti: Wir sind noch nicht auf dem Zenit, aber auf einem guten Weg.
Der Weltverband FIVB führt die deutschen Damen auf Rang 12 der Weltrangliste. Wo sehen Sie Ihr Team?
Guidetti: Das Ranking ist nicht so wichtig. Wichtig ist, wo wir hinwollen. Die Mannschaft muss jetzt einen Schritt machen. Wir sind eine gute Mannschaft, aber wir wollen eine der besten Mannschaften der Welt werden. Dafür brauchen wir jetzt Resultate. Hinter Italien, Brasilien und China werden wir immer einen Schritt zurück sein, dahinter können wir gegen alle gewinnen.
Welchen Schritt meinen Sie? Was fehlt der Mannschaft noch?
Guidetti: Qualität im Angriff. Wir haben die Kraft und die Höhe, aber wir brauchen mehr Kreativität. Weil wir keine Spielerinnen haben, die zwei Meter groß sind, brauchen
„Bei der EM machen wir den Schritt nach vorn“
wir mehr Technik als die anderen. Und wir müssen im Kopf lernen, gewinnen zu wollen.
Was bedeutet das für die beiden großen Turnier dieses Jahres, die WM-Qualifikation und die EM?
Guidetti: Die WM-Quali müssen wir schaffen. Wir haben eine schwere Gruppe: Holland und Aserbaidschan sind harte Gegner, Slowenien ist ein bisschen leichter. Die EM im September, denke ich, ist der Moment, wo wir den Schritt machen. Auch da haben wir eine schwere Gruppe mit Italien, der Türkei und Frankreich, aber selbst gegen Italien können wir gewinnen. Natürlich.
Guidetti: Ich mag Volleyball mit viel Disziplin. Jeder Punkt gegen uns hat seinen Grund, und den müssen wir benennen und korrigieren. Dann will ich gute Aufschläge, da sind wir schon eine der besten Mannschaften der Welt. Und weil wir wie gesagt keine sehr großen Spielerinnen haben, müssen wir schnell sein.
Wie stark ist die deutsche Liga im internationalen Vergleich?
Guidetti: Die italienische Liga ist wie die NBA im Amerika. Damit können wir uns nicht vergleichen. Aber dahinter gibt es mehrere gleich starke Ligen, darunter die deutsche. Seit ich hier bin, ist die DVL immer besser geworden, vom Trainingsniveau, von der Organisation. Aber wir können noch mehr. Dafür brauchen wir ein Team, das in der Champions League spielt. Das strahlt aus auf die anderen Clubs.
Aber Deutschland hat gar keinen Startplatz in der Champions League.
Guidetti: Wenn der deutsche Verband Druck macht, dann wird es Möglichkeiten geben.
Tun die Vereine genug für die Jugendförderung?
Guidetti: Ich möchte, dass eher die jungen Spielerinnen spielen als mittelmäßige Ausländerinnen. Da muss sich die Mentalität in Deutschland noch ändern. Auch in den Köpfen der jungen Spielerinnen: Die sollten lieber zu einem
Club im Mittelfeld gehen, bei dem sie spielen, als zu einem Top-Club, bei dem sie nicht spielen.
Die Roten Raben Vilsbiburg rühmen sich einer guten Jugendarbeit. Zurecht?
Guidetti: Was Vilsbiburg mit Lenka Dürr gemacht hat, war optimal (die 18-Jährige ist seit 2006 Libera bei den Raben, Anm. d. Red.). Die ersten zwei, drei Jahre war sie vielleicht unsicherer als eine erfahrene Libera. Aber jetzt ist sie eine Spitzenspielerin, die wir mit zum Grand Prix im August nehmen. Ich hoffe, dass der Verein dasselbe mit den Neuzugängen Lena Möllers und Sarah Petrausch macht. Und ich möchte, dass andere Vereine es genauso machen wie Vilsbiburg.
Welche Vilsbiburgerinnen sind bei den Turnieren dabei?
Guidetti: Dürr, Petrausch und Möllers machen die Vorbereitung mit und kriegen ihre Chance, sich für die EM zu empfehlen.
Was ist mit Außen-Angreiferin Katja Wühler? Sie ist zur besten Spielerin der Liga gewählt worden, bei Ihnen spielt sie keine Rolle.
Guidetti: Katja hat Pech. Auf ihrer Position habe ich viele andere. Auf internationalem Niveau muss einen Diagonal-Spielerin heute so hoch springen, dass sie den Ball auf 3,15 Meter schlägt. Katja hat eine Supertechnik und viel Kraft, aber sie springt nicht hoch genug. Außerdem greift sie zu wenig von der zweiten Linie an.
Wie ist Schönberg für Sie?
Guidetti: Für einen Lehrgang ist das hier perfekt. Wir haben gute Bedingungen, und der Ort ist ruhig, aber hat ein kleines Zentrum mit Pizzeria und Eisdiele und so weiter. Das verhindert den Lagerkoller.