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PNP vom 9.11.2009

Springen ohne abzuheben

Die Roten Raben Vilsbiburg versuchen einen schwierigen Spagat: Sie wollen ein europäischer Volleyball-Topclub werden, zugleich aber ein Kleinstadt-
Verein bleiben.

Von Sebastian Mense

Der große Schritt nach vorne begann mit einem Stolpern. „Wir haben uns das nicht gewünscht, aber billigend in Kauf genommen“, entschuldigte Harald Schwarz, Sprecher der Roten Raben Vilsbiburg, den verpatzten Saisonstart seiner Mannschaft. Der Pokalsieger und Vizemeister des deutschen Damen-Volleyballs, das Überraschungsteam der letzten Jahre, eröffnete die neue Spielrunde mit zwei Niederlagen - Folge eines Umbruchs, in dem sich Mannschaft und Verein auf allen Ebenen befinden. Die Zukunft soll für das Team aus der Kleinstadt noch größer werden. Das Ziel: sich in der europäischen Spitze zu etablieren. Und sich zugleich die niederbayerische Bodenständigkeit zu bewahren.
Schon bislang waren die Raben ein Phänomen: 2008 holten sie die deutsche Meisterschaft nach Vilsbiburg - eine kleinere Stadt hat den Titel noch nie gefeiert. 2009 folgten der Pokalsieg und ein vierter Platz im Europokal. Dabei hatte der Club weder einen finanzstarken Großsponsor im Kreuz noch etablierte Nationalspielerinnen im Kader. In den letzten Jahren spielte das Team permanent am obersten Rand seiner Möglichkeiten, nach vorne gepeitscht von begeisterten Fans und unterstützt von einer stolzen Stadt.

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Bodenständigkeit immer im Blick

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Doch zum Ende der vergangen Saison wurde immer klarer, dass Begeisterung nicht ewig trägt, im Meisterschafts-Endspurt ging die Kraft aus. Um den Erfolg dauerhaft zu sichern, erfindet sich der Verein nun neu. Die Kunst ist es, dabei die Wurzeln nicht aufzugeben.
Auf seine enge Verflechtung mit der Region legt der Verein viel Wert. Bisweilen kleben die Spielerinnen in den Läden der Stadt selber die Werbe-Plakate für die Heimspiele. Nachwuchs-Spielerinnen, die von außen kamen, fanden Aufnahme in Gastfamilien. „Wir werden diese Bodenständigkeit auf keinen Fall aufgeben“, versichert Raben-Manager Klaus-Peter Jung-Kronseder, der Vater des Erfolges. „Wenn man als Verein in einer Kleinstadt nicht dazugehört, kann man das gleich vergessen.“ Er berichtet von den Fehlern der ersten Bundesliga-Zeit der Vilsbiburgerinnen Ende der 80er Jahre, damals noch als TSV und unter dem Management seiner Vorgänger. Es habe kaum Jugendarbeit gegeben, die Mannschaft sei als „Legionärstruppe“ empfunden worden, so Jung-Kronseder. Über mehrere polnische Nationalspielerinnen im Kader, „haben die Leute gesagt: Die kommen im Pelzmantel in die Halle, spielen und sind wieder weg.“ 1990 stieg Vilsbiburg ab, 1992 war der Club pleite und fing in der Bezirksliga wieder an.
Beim Neuanfang und der beschwerlichen Rückkehr in die Bundesliga war die neue Raben-Führung um Klaus-Peter Jung-Kronseder schlauer, wirtschaftete solide, band regionale Unternehmer als Sponsoren oder gar als Gesellschafter in das Projekt ein, verordnete Deutsch-Unterricht für jeden Neuzugang aus dem Ausland und erdete den Verein durch eine umfangreiche Jugendarbeit. 12 Jugendteams spielen in den verschiedenen Spielklassen, dazu eine Anfänger- und eine Bambini-Gruppe. Alles Mädchen-Mannschaften übrigens; 1999 entschied der Verein, sich auf Damen-Volleyball zu konzentrieren. Hinzu kommen fünf Damen- und seit kurzem auch wieder ein Herren-Team. Fast jeder in der Stadt kennt jemanden, der bei den Raben spielt.
Der Lohn waren eine beinahe immer volle und rasend laute Halle (im Schnitt 1270 Zuschauer) und die Titel 2008 (Meister) und 2009 (Pokal). Als „Phänomen“ bezeichnet Bürgermeister Johann Sarcher (SPD) die Unterstützung der Fans. „Bei 11 000 Einwohnern ist das rein rechnerisch mehr als ein Zehntel der Bevölkerung, auch wenn natürlich Fans aus dem Umland kommen.“ Ex-Trainer Matthias Eichinger, der den Club 2001 in die Bundesliga führte, stellt lapidar fest, dass der Besuch bei den Raben „Tradition“ ist: „In Vilsbiburg geht man beim Heimspiel einfach in die Vilstalhalle.“ Und genau jetzt, auf dem Zenit, folgt der Umbruch. Zunächst im Team: Unmittelbar nach dem letzten Saisonspiel kündigte Manager Jung-Kronseder im Mai an, dass die erfolgreiche Mannschaft umgekrempelt wird. „Der Trainer sagt, das Team hat alles aus sich herausgeholt, ein höheres Niveau ist nicht drin“, begründete er damals den harten

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Auf dem Zenit
erfolgt der Umbruch

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Einschnitt. „Wenn wir uns weiterentwickeln wollen, ist jetzt die richtige Zeit.“ Vier Stammspielerinnen gingen, im Sommer kamen fünf Neue, darunter die Junioren-Weltmeisterinnen Lena Möllers und Sarah Petrausch. Auf Dauer will man einen Kader, in dem alle Spielerinnen europäisches Top-Niveau haben - die erste Europokal-Teilnahme in der vergangenen Saison (2006 scheiterte das Team in der Qualifikation) hat Appetit gemacht auf mehr.
Weil Möllers, Petrausch sowie Libera Lenka Dürr im September bei der EM in Polen mitspielen, warnte Raben-Trainer Guillermo Gallardo bereits vor Saisonbeginn, es werde dauern, bis sich das neue Team finde. Noch nicht abzusehen ist außerdem, ob und wann die neue Raben-Mannschaft denselben Teamgeist entwickelt und dieselbe mentale Stärke, die dem alten Team zwei Titel gebracht haben.
Die Auftakt-Niederlagen gegen Münster und Stuttgart, beides keine Übermannschaften, zeigten, dass der Weg noch weit ist. Zwar fuhren die Vilsbiburgerinnen gegen Aufsteiger Potsdam einen Sieg ein und auch im bayerischen Derby konnten sie gestern mit einem klaren 3:0-Heimsieg gegen Lohhof punkten, aber die vorangegangenen Punktverluste sind bereits eine Bürde in einer Liga, die heuer wieder streng nach Tabelle, also ohne Play-offs gespielt wird. Intern heißt es schon, man hoffe, „in ein, zwei Jahren“ wieder ganz vorne dabei zu sein.
Dann soll auch die neue Halle stehen und dem Verein die Tür in eine bessere Zukunft öffnen. Die alte Vilstalhalle ist mit 1500 Plätzen zu klein und zu niedrig, der Verein spielt dort mit einer Ausnahmegenehmigung des Verbandes. Die neue Halle wird 2000 Plätze bieten und moderner sein. „Das wird ein großer Schritt nach vorne“, freut sich Jung-Kronseder. „Wir gewinnen ganz neue Zuschauer und können unseren Sponsoren bessere Präsentationsmöglichkeiten bieten.“ Die Raben sind nur einer der Mieter, freilich der wichtigste. Die Stadt lässt sich die Mehrzweckhalle 7,5 Mio. Euro kosten. Vorsitzender des Vilsbiburger Komunalunternehmens Vibko, das den Bau der Halle trägt, ist praktischerweise Raben-Präsident Peter Bruckmayer. Nach viel Hin und Her liegt seit zwei Wochen die Baugenehmigung vor, Spatenstich ist am 12. November, zu Saisonbeginn 2010/11 soll die neue Spielstätte stehen. Freilich verpflichtet die neue Halle die Raben zu dauerhaftem Erfolg. Sollten die Raben ähnlich abstürzen wie Anfang der 90er Jahre der Vorgängerverein, dann rechnet sich auch die Halle nicht.
Nachhaltigen Nachschub an Spitzen-Spielerinnen soll ein Internat liefern, das die Raben mit Beginn dieses Schuljahres eröffnet haben. Fünf Mädchen zwischen 14 und 18 Jahren verbinden dort Spitzensport und Schule. „Wir haben kein so großes Einzugsgebiet wie Dresden oder Hamburg“, erklärt Sprecher Schwarz die Überlegungen. Daher biete man Mädchen aus ganz Bayern hier die Chance auf eine Profikarriere. Um das Internat kümmert sich Sportdirektor Detlev Schönberg; die Stelle eines

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Sportinternat und neue Halle

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Sportdirektors wurde im Sommer neu eingerichtet, er ist zudem für alle Teams unterhalb der ersten Mannschaft zuständig und soll Manager Jung-Kronseder den Rücken für die Profimannschaft freihalten. Bereits 2008 hatte der Verein sein Präsidium umgebaut und mit Bruckmayer und Vize-Präsident Joachim Weiershaus zwei Wirtschaftsfachleute an Bord geholt.
Neue Vereins-Strukturen, das Internat, die neue Halle - für Ex-Trainer Eichinger sind das alles „die logischen, konsequenten Schritte“. Über den Umbau der Mannschaft sagt er: „Ab dem Höhepunkt geht es wieder bergab. Um oben zu bleiben, ist es dann Zeit für ein neues Team, das wieder wachsen kann.“ Das könnte man auch auf den Umbau der Vereins-Infrastruktur beziehen. Dass der Erfolg die Raben von ihren Wurzeln entfernt, soll aber nicht passieren, verspricht Manager Jung-Kronseder.


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